
Wenn du von der Insel zum Festland schaust, siehst du über das Watt. Auf den ersten Blick wirkt es eintönig, fast lebensfeindlich. Aber wer hineingeht entdeckt, dass es voller Leben steckt. Und es ist absolut nicht eintönig: Der Boden kann weich, nur oben weich, aber auch sehr fest sein. Es gibt Pfützen, trockene Stellen und Priele.
Die wichtigsten Lebewesen sind die Algen, und zwar gerade die unauffälligsten unter ihnen, die winzigen Mikroalgen. Gelblich-braune oder grüne Überzüge auf dem Boden bestehen aus Millionen dieser winzigen Pflanzen. Sie bilden die eigentliche Lebensgrundlage der Tiergemeinschaften des Wattbodens, die sich vor allem aus Schnecken, Muscheln, Würmern und Krebsen zusammensetzt (insgesamt rund 1.400 verschiedene Arten).
Im Watt können dauerhaft nur Pflanzen und Tiere überleben, die den ewigen Wechsel von Überflutung und Trockenfall aushalten und denen es nichts ausmacht, wenn die Oberfläche in der Sommersonne bis zu 40 °C warm wird und wenige Stunden später während der Überflutung 20 °C kälter ist. Wenn es auf dem trocken gefallenen Watt zu regnen beginnt, wird das Meerwasser "süß", ein Todesurteil für einen echten Meeresbewohner.

Unter diesen Extrembedingungen gibt es nicht viele Tierarten, aber diejenigen, die es schaffen, gibt es in riesiger Menge. Sie leben auf dem Boden oder unter der Oberfläche und für alle gilt eine Grundregel: "Wer lila ist und pfeift wird zuerst gefressen!" Es kann sein, dass durch einen Sturm oder durch starken Frost Millionen von ihnen sterben, doch andere überleben, erzeugen millionenfachen Nachwuchs und mit Ebbe und Flut wird dieser Nachwuchs wieder dahin gespült, wo kurz zuvor noch alles tot war.
Für eine Muschel ist es immer lebensgefährlich. Sind die Wattflächen vom Wasser bedeckt, können sie von Krebsen oder von Plattfischen erwischt werden. Ist das Wasser abgelaufen, suchen Tausende von Eiderenten, Möwen und Austernfischern nach genau demgleichen Futter.
Während des Vogelzuges im Herbst oder Frühjahr ist das Watt "Tankstelle" für Millionen von Strandläufern, Schnepfen und Regenpfeifern. Aber meinst du, dass es eine Herzmuschel interessiert, wer sie umbringt - ein mörderischer Austernfischer oder ein mörderischer Frost?