Das Leben am Meer ist durch die Gezeiten geprägt. Sie sind die größte Kraft, die auf das Wasser der Meere einwirkt. Wirklich jedes kleinste Tröpfchen im Meer, auch in den größten Tiefen, reagiert auf die Anziehungskraft von Sonne und Mond.
Der Mond hat den stärksten Einfluss auf die Gezeiten, weil er der Erde viel näher ist als die Sonne. Er kreist in etwa 29,5 Tagen einmal um die Erde, die selbst wiederum um die Sonne kreist. Auf der Seite der Erde, die zum Mond weist, ist die Anziehungskraft des Mondes größer als die Fliehkraft der Erde. So entsteht ein sogenannter Flutberg. Auf der Mond abgewandten Seite der Erde ist die Fliehkraft größer als die Anziehungskraft, so dass sich hier ein zweiter Flutberg bildet.
Der Meeresspiegel steigt und sinkt somit zweimal pro Tag. Etwas mehr als sechs Stunden
lang steigt er an. Wir Insulaner sagen dann: "Wir haben auflaufend Wasser", damit ist die Flut gemeint. Etwa ebenso lang fällt der Meeresspiegel wieder ab, wir haben also "ablaufend Wasser". Das ist dann die Ebbe. Der höchste Wasserstand wird als Hochwasser, der niedrigste als Niedrigwasser bezeichnet. Die Tide ist der Zeitabschnitt zwischen zwei Hoch- bzw. Niedrigwassern.
Der Tidenhub ist der Höhenunterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser (mittlerer Tidenhub auf Langeoog: 2,80 m). Die Erde dreht sich zwar in 24 Stunden um sich selbst (ein Erdentag), aber in dieser Zeit ist auch der Mond auf seiner Bahn weitergewandert. Es dauert also 24 Stunden und 50 Minuten, bis der Mond für uns dieselbe Position einnimmt. Hoch- und Niedrigwasser verschieben sich also im Mittel um ca. 25 Minuten pro Tide.

Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut ist nicht überall gleich. Neben Sonne und Mond wirken sich auch örtliche Einflüsse der Erdoberfläche wie Winde, Wassertiefe usw. aus. Besonders stark sind die Gezeiten hier an der Nordseeküste. An der Ostseeküste dagegen haben diese kaum Bedeutung. An windstillen Tagen konnte ein Tidenhub von 20 cm nachgewiesen werden. Einen der größten Tidenhübe der Erde hat mit 21,00 m die "Bay of Fundy" in Kanada. Langeoog dagegen hat einen mittleren Tidenhub von "nur" 2,80 m.
Bei Neumond und Vollmond stehen Sonne, Erde und Mond in einer Linie. Dann wirken Sonne und Mond zusammen, und es entstehen besonders hohe Fluten, sogenannte Springfluten.

Etwa sieben Tage nach Voll- oder Neumond, hat der Mond ein Viertel seiner Bahn um die Erde zurückgelegt und Sonne, Erde, Mond bilden einen rechten Winkel. Die Wirkung der Sonne ist der des Mondes entgegengesetzt. Dann ist die Gezeit deutlich geringer als diejenige, die durch den Mond allein erzeugt wird. Sie tritt bei Halbmond auf und wird Nipptide genannt.
Im Winterhalbjahr beinflussen Winde aus nordwestlichen Richtungen die Wasserstände an der Küste, weil das Wasser nicht mehr ablaufen kann. Bei schweren Stürmen kommt es zu Sturm-fluten. Die Wasserstände erhöhen sich um mehrere Meter. Die Küsten- und Inselbewohner haben durch diese Tatsachen eine lange Erfahrung im Bauen von Deichen, um die Menschen und ihr Land zu schützen.
Die Weihnachtsflut am 24.12.1717 war die schwerste bis dahin bekannte Sturmflut. Sie richtete verheerende Deichschäden, ungeheure Verwüstungen und unglaubliche Überschwemmungen bis zum Geestrand an. Die Deiche brachen auf den Inseln Juist, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog. Mehr als 10.000 Menschen ertranken.